Verrückt nach dem See

von Ariane Dreisbach & Loneta Progni

Artikulli i disponueshëm edhe në: Shqip

Mit beiden Händen schöpft Orion Laze die Sardinen aus dem Kanister, bis die aufgeschnittene Plastikflasche daneben voll ist. Trübe Brühe tropft von seinen Fingern, die Schuppen glänzen golden und silbern in der Sonne. Die Fische kippt er in eine Plastiktüte, zweimal zudrehen und knoten, dann kann sie einer der Männer, die sich um sein Boot geschart haben, für 100 albanische Lek haben. Eine Tüte Sardinen für 80 Cent.

Orion Laze ist 30 Jahre alt und seit zehn Jahren Fischer in Pogradec, einer kleinen Stadt am Ohridsee in Albanien. Jeden Morgen schultert er den Dieselmotor und geht zu seinem gelben Holzboot am Strand.

Bei jedem Wetter fahren die Fischer in Pogradec auf den Ohridsee hinaus. Viele der Holzboote sehen aus, als würden sie nur von der gelben Farbe zusammengehalten.
Orion Laze fischt, seit er 20 Jahre alt ist. Seine Leidenschaft dafür hat er schon als Kind entdeckt und jede freie Minute am Wasser verbracht.
Fischernetze gleichen sich überall auf der Welt. Einzigartig ist am Ohridsee aber ihr Inhalt, nämlich der Fisch Koran, auch Ohridforelle genannt. Ihn gibt es nur im ältesten See Europas.
Die sechs bis 12 Stunden, die der junge Fischer jeden Tag auf dem See ist, können lang werden. Die Zeit vertreibt er sich mit den Möwen und mit Rauchen.
Mit dem besten Fang, den Orion Laze je hatte, hat er 100 000 Lek verdient, fast 800 Euro. An schlechten Tagen kommt er mit leerem Netz zurück.
Einen Teil der Fische verkauft Laze noch am Boot. Den Rest bringt er zu einem Restaurant an der Uferpromenade, bei dem er auch oft seinen eigenen Fisch zu Mittag isst.
„Ich habe Probleme wie jeder andere, aber wenn ich auf dem See bin, dann vergesse ich alles.“

Die Leidenschaft für den See und das Fischen hat Orion Laze von seinem Vater. Noch heute erinnert er sich daran, wie sicher er sich mit seinem Vater auf dem Wasser fühlte. Mit sieben Jahren entschied Laze, nicht mehr Ingenieur werden zu wollen, sondern Fischer. Er fing an zu angeln und hielt kaum einen Tag ohne den See aus: „Ich war ein kleiner Amateur.“ Mit 15 Jahren wollte Orion Laze kein Amateur mehr sein. Er fuhr auf den See, suchte einen großen Fisch und stellte sich eine Aufgabe: Fange ich diesen Fisch, dann werde ich Fischer. Fange ich ihn nicht, dann nicht. Und er wurde Fischer.

Der Vater wollte nicht, dass der Sohn seinen Beruf ergreift, wollte von Tradition nichts hören. Orion Lazes Sohn ist erst ein Jahr alt. Für ihn wünscht er sich auch nicht, dass er Fischer wird. Der Ohridsee ist nicht an jedem Tag so ruhig wie an diesem sonnigen Herbsttag, er kann auch gefährlich sein: starke Strömungen, kaltes Wasser, unerwartete Winde, hohe Wellen. An der tiefsten Stelle ist der See, der zu einem Drittel zu Albanien und zu zwei Dritteln zu Mazedonien gehört, knapp 300 Meter tief. Aber noch ist der Sohn klein, noch muss sich Laze nicht darum sorgen, was wird, wenn er nach dem Vater und dem Großvater kommt. Ihm selbst macht es nichts aus, dass sich in den Jahrzehnten, die seinen Vater und ihn trennen, in der Fischerei nichts verändert hat; nicht die Boote, nicht die Techniken, nicht die guten und die schlechten Tage.

Orion Laze weiß nie, was ihn erwartet, wenn er morgens auf den See hinausfährt. Manchmal kommt er nach 12 Stunden nur mit ein paar Kilo Fisch zurück.
Am Ende des Monats bleibt nicht viel Geld, um die Fischerboote zu reparieren. Die Ruder sehen so morsch aus, als könnten sie bei einem kräftigeren Schlag brechen.
An manchen Tagen fischt Orion Laze nur solche Sardinen. Der teurere Koran wäre ihm lieber - oder wenigstens der Karpfen, den er selbst am liebsten isst.
Heute waren etwa zwanzig Kilo Sardinen im Netz. Die kann Orion Laze für 2500 Lek, knapp 20 Euro, verkaufen.
Einen Beutel Sardinen behält er aber für sich. Er putzt sie auf dem Boot und bringt sie dann zu einem Freund, in dessen Restaurant er zu Mittag isst.
Die Möwen warten schon ungeduldig darauf, dass Orion Laze ihnen die Köpfe hinwirft.

Vom Fischen zu leben ist schwer. Aber das Leben als Fischer sei leicht, sagt Orion Laze. Er genießt es, dass ihm niemand sagt, was er zu tun hat. Dafür nimmt er in Kauf, dass es Tage gibt, an denen er nichts im Netz findet. Und dass er sich von Dezember bis März andere Arbeit suchen muss, wenn die Fische im Ohridsee laichen und das Fischen verboten ist. Die meisten der 20 000 Einwohner von Pogradec wollen Arbeit, mit der sie mehr verdienen und weniger arbeiten. Orion Laze könnte das auch haben, aber er will nicht. Das Fischen ist seine Berufung. Die meisten seiner Freunde arbeiten in der Landwirtschaft oder in kleinen Unternehmen. „Sie halten mich für verrückt und wundern sich, dass ich an der harten Arbeit auf dem See nicht zerbreche.“ Ihm ist es egal, was die Leute sagen. Sie stehen jeden Tag wieder am Boot und kaufen seinen Fisch.

Von Orion Lazes drei Brüdern ist einer in Italien, die anderen beiden leben in Albanien, zwei davon sind Fischer. Keiner von ihnen denkt daran, das Land zu verlassen, es geht ihnen gut hier. Immer wenn Laze für ein paar Monate im Ausland gearbeitet hat, konnte er es kaum erwarten, zurück nach Pogradec zu kommen. Wenn er vom See spricht, kommt er ins Schwärmen: „Ich möchte Albanien nicht verlassen, weil meine Familie und der See mein ganzes Leben sind.“