Lesben gibt's nicht

von Eva Gemmer & Fatjana Kazani

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Es ist Mai 2012, als Xheni Karaj nur wenige Sätze braucht, um zu einer Bekanntheit in Albanien zu werden. An diesem Abend läuft im Sender Klan die Talkshow Opinion. Das Thema: "Parada pro gay dhe kundershtaret" ("Die Pro-Gay-Parade und ihre Gegner“). Eingeladen ist unter anderem der rechtskonservative albanische Politiker Murat Basha, er wird vorgestellt als Beschützer konservativer Werte. Um ihn herum: Gegner und Verteidiger von Homosexualität. Selbstzufrieden sitzt Basha in dem strahlend weißen Fernsehstudio, auf dem Boden leuchtet das Logo der Talkshow. Je länger die Sendung dauert, desto mehr redet sich Basha in Rage. Im Publikum sitzt Xheni Karaj, 27 Jahre alt, lesbisch. Irgendwann hat sie die Nase voll. „Ich dachte mir, wenn ich jetzt nichts sage, dann sage ich nie was“, erzählt sie später. Karaj meldet sich, nimmt das Mikro in die Hand. Alle Kameras und die Augen von 85 Prozent des albanischen Fernsehpublikums sind jetzt auf sie gerichtet. 

Ausschnitt aus der Talkshow Opinion zum Thema "Die Pro-Gay-Parade und ihre Gegner" (2012)

„Auf gleichgeschlechtlichen Sex standen in Albanien bis 1995 zehn Jahren Haft.”

Spätestens seit diesem Abend gilt Xheni Karaj in Albanien als Vorreiterin der LGBT-Bewegung. Ihr Gesicht kennt in Tirana jeder: „Guck mal, das ist die Lesbe aus dem Fernsehen.“ Von Anfeindungen bis Anerkennung hat sie seither alles erfahren.

Drei Jahre zuvor hatte Karaj zusammen mit einer Reihe von Freunden die Aleanca Kunder Kiskriminimit te LGBT (Allianz gegen die Diskriminierung von LGBT) gegründet. Die NGO setzt sich für die Rechte von lesbischen, schwulen und transsexuellen Menschen ein – Menschen, die sich in Albanien auch heute noch häufig verstecken.

In einer unbefestigten Seitenstaße in der Innenstadt liegt das Herzstück von Aleanca. Hinter einem unauffälligen blauen Eisentor, umgeben von Wohnblöcken und Autowerkstätten, gibt es seit 2011 ein Refugium für all jene, die Zuflucht suchen. Eine Mischung aus Büro und Wohnzimmer, im Innenhof Graffitis, an den Wänden Portraits von Transvestiten, in der Ecke Regenbogenflaggen, Flyer, Plakate, Überreste der Pride Parade vor wenigen Wochen.

Bis 1995 wurde gleichgeschlechtlicher Sex in Albanien mit zehn Jahren Haft bestraft. Seitdem ist er zwar auf dem Papier erlaubt, in der Realität ist das Thema aber für viele noch immer ein Tabu. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Albanien seit 2010 eines der wenigen Länder in Europa ist, die Diskriminierung aufgrund geschlechtlicher Identität gesetzlich verbieten. Das Gesetzt gilt weithin als politisches Zugeständnis an die EU und nicht als Ergebnis gesellschaftlicher Veränderungen. Homophobie ist nach wie vor Alltag.
Heute steht Karaj zu ihrer sexuellen Orientierung. Aber auch sie hat viele Jahre gebraucht, bis sie sich getraut hat, sie selbst zu sein.

Karaj ist mittlerweile ein oft gesehener Gast in Talkshows und auf Konferenzen. Sie wirkt zäh und abgebrüht und bezeichnet sich selbst als „verbraucht“. Gerne würde sie anderen den Vortritt lassen, um für die LGBT Bewegung zu sprechen, aber obwohl die Situation heute eine andere ist als noch vor zehn Jahren, gibt es noch immer wenige, die ihre Identität vor der Kamera preisgeben wollen. Zu groß ist die Angst vor den Reaktionen außerhalb der kleinen Blase, die Karaj mit Aleanca LGBT in Tirana geschaffen hat.

Bei Aleanca planen Mitglieder der Bewegung Prides und Protestaktionen, organisieren Workshops und Filmabende, bieten psychologische Beratungen an oder sitzen einfach zusammen in dem Wissen, dass sie nicht alleine ist.

Spricht man mit ihnen über das Leben in Albanien, trifft man auf zynischen Sarkasmus, viele würden das Land gerne verlassen, fühlen sich unfrei oder diskriminiert. Dabei ist die Situation in Tirana noch ein Paradies im Vergleich zum Rest Albaniens: „Außerhalb von Tirana ist es die Hölle“, sagt Karaj.

Verändert hat sich trotzdem einiges, auch außerhalb der Blase. Die erste Gay(P)Ride – Pride auf Fahrrädern – beschreibt Karaj als einen der glücklichsten Momente in ihrem Leben. Es waren nur eine handvoll Menschen, die damals, 2010, im strömenden Regen den großen Boulevard Dëshmorët e Kombit hinuntergefahren sind, eingehüllt in Plastikmäntel und Regenbogenflaggen. Von irgendwoher kamen Böller geflogen, aber sie seien einfach immer weitergefahren.

Im provisorisch eingerichteten Wohnzimmer des Aleanca Zentrums ist heute Filmabend. Die roten Kunstledersofas biegen sich unter dem Gewicht von einem guten Dutzend Menschen, auf dem Tisch stapeln sich halbleere Pizzakartons, die Luft ist stickig und riecht nach Käse. Auf der Leinwand, die leicht schief an einem Kartenständer vor der Spüle hängt, läuft die Dokumentation „SkaNdal“, eine Doku aus dem Jahr 2014 über die LGBT Bewegung in Albanien.

Der Film ist Kult in der Szene, die meisten im Raum haben ihn schon mehrmals gesehen. Die Atmosphäre erinnert eher an ein Fußballspiel als einen Filmabend, immer wieder übertönen hitzige Diskussionen das Geschehen auf der Leinwand. Xheni Karaj kommt zwischendurch mit einer Tüte Pepsi-Dosen in der Raum, verschwindet aber gleich wieder. Die Talkshow und ihr Coming Out vor sechs Jahren sind auch Teil der Doku. Als Murat Basha auf der Leinwand erscheint, der homophobe Politiker, der seinen Sohn erschießen würde, wäre dieser schwul, heizt sich die Stimmung noch weiter auf. Beschimpfungen und leere Pepsi-Dosen fliegen gegen die Leinwand, eine trifft Murat Basha am Kopf.

Als der Abspann durch den Raum flimmert, kommt Karaj doch noch einmal rein. Der Applaus, der ihr entgegenschlägt, ist stürmisch und voller Anerkennung. Seit dem Abend in der Talkshow sind sechs Jahre vergangen, einige der Menschen in dem Raum saßen damals ebenfalls im Publikum. Aber es war Karaj, die dagegengehalten hat, und das hat hier keiner vergessen.

Filmabend im Aleanca Zentrum: "SkaNdal" ist die erste Dokumentation über die LGBT-Bewegung in Albanien.